50-plus-1-Regel

GmbHs, Aktiengesellschaften, Kommanditgesellschaft auf Aktien – viele deutsche Bundesliga-Vereine sind genau das eben nicht mehr: Vereine. Sie haben ihre Profi-Mannschaft samt Umfeld, meistens mit der auf Angst basierender Begründung, „man wolle den Verein nicht durch das Risiko Profifußball gefährden“, ökonomisch ausgegliedert. Wahr ist, eine Kapitalgesellschaft ist für externe Geldgeber attraktiver. Denn im florierenden Fußballgeschäft reicht es nicht mehr, Geld nur durch Trikot-Werbung, dem Verkauf von Stadionnamen oder üppigen TV-Einnahmen zu generieren. Unternehmen und vermögende Privatpersonen wollen Teil des Ganzen werden, Anteile kaufen und sich (noch) mehr Einfluss sichern. Und so sitzen beim FC Bayern die Anteilseigner Allianz und Audi mit Herbert Hainer und Rupert Stadler im Aufsichtsrat. Bei Borussia Dortmund sind es unter anderem der Großaktionär Bernd Geske (May-Holding GmbH & Co. KG) und Puma-Chef Bjørn Gulden.

50-plus-1-Regel

Damit bei all dem Streben nach Macht und Geld am Ende des Geschachers, noch immer der Stammverein und seine Mitglieder eine Stimmenmehrheit in den Kapitalgesellschaften besitzen, gibt es im deutschen Fußball die 50-plus-1-Regel. Rein formell besagt die Regel, dass eben 50 Prozent und mindestens eine zusätzliche Stimme dem Verein und seinen Mitgliedern gehören müssen. So soll einerseits der traditionsbewusste Gedanke eines Vereinswesens bewahrt bleiben. Andererseits geht es um das Verhindern einer mehrheitlichen Übernahme des Vereins durch einzelne externe Geldgeber. Traditionsbewusste Fußballfans in Deutschland kämpfen um den Erhalt der Regel, die sie vor englischen Verhältnissen und somit vor der totalen Kommerzialisierung ihrer Vereine bewahren soll. Fußballfans lieben und leben die Tradition, die vielen von ihnen in die Wiege gelegt wurde. So sorgen schon seit mehr als hundert Jahren Großväter und Väter dafür, dass der Sprössling unabhängig von der Spielklasse, auch „ihrem“ Verein angehört. „Wahre Liebe kennt keine Liga!“

Auf der Insel

In England sind die großen Profiklubs in der Hand von megareichen Prinzen, Scheichs, Oligarchen oder internationalen Investoren-Gruppen. Sie alleine bestimmen darüber, wohin die Reise im Club geht. Sie drehen die Geldhähne auf oder zu. Manchester City und dem Chelsea FC haben sie mit Aber-Millionen zu altem Glanz verholfen. Alte Traditionsvereine wie Leeds United oder der FC Portsmouth wurden von Alleinherrschern an den Rand der Existenz geführt.

Hintertüren

Auch in Deutschland findet manch ein Geldgeber Gefallen am Gedanken, einen Fußballverein alleine besitzen zu dürfen. Beispielsweise Martin Kind, Präsident von Hannover 96, strebt seit Jahren danach, den Bundesligisten zu übernehmen. Er hat durchaus gute Chancen, das zu schaffen, was Dittmar Hopp mit der TSG Hoffenheim gelungen ist. Keine Regel ohne Ausnahmen! Trotz 50-plus-1 lassen die Ligastatuten eine Hintertür offen: Wer sich mindestens 20 Jahre lang im Verein engagiert und dabei hohe Investitionen tätigt – mindestens in Höhe der Summe aller in dieser Zeit erzielten Sponsorengelder – der kann die Mehrheit übernehmen.

Getreu dem Slogan „nichts ist unmöglich“ agieren Bayer Leverkusen (zu 100 Prozent in der Hand des Bayer-Konzerns) und der VfL Wolfsburg (100 Prozent VW) auf der Basis der sogenannten Stichtagsregelung. Die besagt: „Wer bereits vor dem 1. Januar 1999 das Sagen im Verein hatte, der erhält auf Antrag eine Ausnahmegenehmigung.“

Wie man die Regeln umgehen kann, bewies RB Leipzig: Der Klub wollte erst den Regionalligisten Sachsen Leipzig übernehmen, scheiterte aber am DFB. Dann übernahmen die Salzburger den Oberligisten SSV Markranstädt. Die Krux dabei? Unterhalb der Regionalliga bedarf es für den Spielbetrieb keiner Lizenzerteilung durch den DFB bzw. durch den zuständigen Landesverband. Die Geschichte ist bekannt: Der österreichische Getränkekonzern Red Bull finanzierte in wenigen Jahren den Aufstieg bis ins Fußball-Oberhaus. Mitglieder: 920 davon stimmberechtigte Mitglieder 17.

Schwachstellen

In der DFL und im DFB wird über die Schwachstellen der Regelung 50-plus-1 diskutiert. Denn Vereine wie zum Beispiel der Hamburger SV (Klaus Michael-Kühne) oder 1860 München (Hasan Ismaik) haben sich, trotz des formalen Mitbestimmungsrecht der Mitglieder, das „ganz sicher“ zur deutschen Fußballkultur gehöre (DFL-Geschäftsführer Seifert), komplett abhängig von einem Investor gemacht.

In der 3. Liga hängen finanziell einige Vereine an einem seidenen Faden. So drohte erst vor einigen Tagen Fortuna Köln-Mäzen Michael W. Schwetje, der gleichzeitig auch noch Geschäftsführer der Südstädter ist, über einen Rückzug nach. Der Grund: Beleidigungen unter der Gürtellinie. Investoren sind bei Fans eher geduldet als beliebt. Dietmar Hopp, Martin Kind oder Hasan Ismaik werden aus den unterschiedlichsten Motiven heraus, beleidigt, beschimpft und sogar bedroht. Warum ist das so?

Fehler in der Kommunikation

Das liegt aus meiner Sicht an einer ganzen Reihe von Kommunikationsfehlern. Investoren agieren gerne auf dem überholten Gedanken, Geld regelt alles. Und wer etwas wissen möchte, der soll sich die Homepage anschauen. Dadurch verlieren sie die Nähe zur Basis, die sie bei ihrem Einstieg in einen Verein so lange umschmeichelt haben, bis sie den Klub formell im Griff hatten. Sie unterschätzen die Seele, das informelle Leben der Fans, die mit dem Verein schon (fast) alles erlebt haben – „Liebe kennt keine Liga“. Um es verkürzt darzustellen: Zu Geldmenschen haben etablierte Fans im Wissen darum, dass Geld sich ganz schnell verflüssigen kann, nur ganz wenig Vertrauen.
Mit viel Geld kann man auch viele Fehler machen.

Zu den ausgegliederten Mannschaften im Profifußball zählen auch die FC Würzburger Kickers AG.
Stimmenverteilung: 51 Prozent FC Würzburger Kickers e. V. / 49 Prozent Flyeralarm Future Labs GmbH (Quelle: Wikipedia)